2015: The Year in Review
Je älter man wird, desto schneller vergehen die Jahre - so kommt es mir zumindest vor. Persönlich gab es (glücklicherweise) keine großen Veränderungen. Ich hatte mehr Arbeit als je zuvor, sodass ich leider nicht so viel Zeit hatte für die schönen Dinge des Lebens. Andererseits ist es auch ganz schön, nicht ständig am Hungertuch nagen zu müssen. Neue Alben habe ich mir trotzdem regelmäßig angehört (tatsächlich habe ich beim Blick in mein Last.fm-Archiv festgestellt, dass ich fast nur Neuerscheinungen gehört habe), wenn auch weniger als in den letzten Jahren. Musikalisch war ich mit dem Jahr sehr zufrieden, denn es gab einige Alben, die mir sehr viel gegeben haben, hauptsächlich von alten Favoriten. Aber seht selbst:
15. Dave Rawlings Machine - Nashville Obsolete
Ganze sechs Jahre hat es gedauert, bis Dave Rawlings Machine ihr zweites Album vorlegten. Rawlings und seine Partnerin Gillian Welch harmonieren darin so schön wie eh und je; nur die Songs sind noch ein Stücken opulenter. Allerfeinster Country, der mit Ironie gespickt ist und vor Spielfreude übersprüht.
Lieblingslieder: The Weekend, Short Haired Woman Blues, The Last Pharaoh
14. David Wax Museum - Guesthouse
David Wax Museum sind wahrscheinlich the hardest touring band in showbiz und trotzdem schaffen sie es in aller Regelmäßigkeit, tolle Alben herauszubringen. Guesthouse ist da keine Ausnahme. Die Band hat ihre akustische Palette noch einmal deutlich erweitert, die genauso bunt und zusammengewürfelt klingt wie das Albumcover aussieht. Eine wilde Mischung aus Pop, Folk, Elektro und Tex-Mex, die erstaunlich stimmig ist.
Lieblingslieder: Every Time Katie, Guesthouse, Everything Changes
13. Natalie Prass - Natalie Prass
2015 fing musikalisch gut an, denn Natalie Prass veröffentlichte ihr selbstbetiteltes Debütalbum. Darin taucht sie in den Soul und Country der Sechzigerjahre ein, ohne dass die Musik jemals wie ein Aufguss klingt. In ihren Liedern kombiniert Prass wuchtige, aber fein austarierte Arrangements mit ihrem zarten Gesang - zum Dahinschmelzen schön.
Lieblingslieder: My Baby Don't Understand Me, Why Don't You Believe in Me, It Is You
12. Julia Holter - Have You in My Wilderness
Julia Holter ist bisher völlig an mir vorbei gegangen, aber aufgrund des praktisch einstimmigen Kritikerlobs habe ich mir ihr neues Werk Have You in My Wilderness angehört - und war gleich begeistert. Das Album ist ohne Zweifel eins der originellsten des Jahres: Streicher und Cembalo stehen hier neben Elektrosounds und ausgefeiltem Schlagzeugspiel, und alles klingt so, als ob es genau so sein soll. Wie sagte der Guardian: "In a more interesting world, this would be all over the radio."
Lieblingslieder: Feel You, Sea Calls Me Home, Everytime Boots
11. Father John Misty - I Love You, Honeybear
Gut drei Jahre ist es her, dass Folk-Musiker J. Tillmann sich als Father John Misty neu erfand. Auch auf seinem zweiten Album I Love You, Honeybear gibt es ausladende Songs, die musikalisch an das Kalifornien der Sechziger- und Siebzigerjahre erinnern. Diesmal singt Tillman allerdings nicht von drogengeschwängerten Träumen, sondern bissige Songs über die Liebe und das Leben, die trotz allem Zynismus umwerfend verführerisch sind.
Lieblingslieder: I Love You, Honeybear, Holy Shit, I Went to the Store One Day
10. Joe Pug - Windfall
Jeder der mich kennt, weiß um meine Liebe für Joe Pug. Auch auf seinem dritten Album Windfall hat er mich nicht enttäuscht: Musikalisch bewegt er sich zwar in seinem gewohnten Americana-Territorium, aber trotzdem schreibt er so intelligente und berührende Songs wie kaum ein anderer in dem Genre. Die umwerfend schönen Melodien sind ein weiteres Plus.
Lieblingslieder: Bright Beginnings, O My Chesapeake, If It Still Can't Be Found
9. Clean Pete - Aan Het Licht
Clean Pete waren 2014 wahrscheinlich die Neuentdeckung für mich. Umso größer war die Freude als ich erfahren habe, dass sie nur ein Jahr darauf ihr zweites Album herausbringen. Auf Aan Het Licht experimentieren die Zwillinge aus Maastricht mehr mit Elekro-Pop, es finden sich aber auch bezaubernde, streicherverstärkte Folkballaden - und über allem steht ihr himmlischer Gesang. Originalität trifft Eingängigkeit.
Lieblingslieder: Zet Me Uit, Leuk Voor Later, Duitsland
8. Patty Griffin - Servant of Love
Da ich American Kid so abgöttisch liebe, habe ich mich zunächst ein wenig schwer getan mit dem Nachfolger Servant of Love. Patty Griffins jüngstes Album ist ein ganzes Stück spartanischer als der Vorgänger, aber auf eine gute Art: Ihre von Blues und Jazz inspirierten Songs sind rau und intensiv, ihr Gesang ergreifend. Schmerzhaft, aber so gut, dass immer und immer wieder darin versinken will.
Lieblingslieder: Hurt a Little While, Made of the Sun, Noble Ground
7. Iris DeMent - The Trackless Woods
Wer hätte gedacht, dass amerikanische Countrymusik und moderne, russische Lyrik so gut zusammen passen? Auf The Trackless Woods gibt Iris DeMent der russischen Dichterin Anna Akhmatova eine musikalische Stimme. Ihre von Verlust und Trauer geprägten Texte vertont DeMent auf zarte, aber tief berührende Weise - meist am Klavier. Kurz bevor man denkt, dass man es nicht mehr ertragen kann, rollt die Band bei "From An Airplane" los und Musikerin und Dichterin beweisen, dass sie auch dem größten Schmerz trotzen.
Lieblingslieder: And This You Call Work, Not With Deserters, From An Airplane
6. Joanna Newsom - Divers
Es gibt wohl kaum eine zeitgenössische Musikerin, die die Musikwelt so spaltet wie Joanna Newsom. Sicher, ihre Lieder - und vor allem ihre Stimme - sind gewöhnungsbedürftig, aber wer sich näher damit beschäftigt wird eine Musik entdecken, die an kompositorischer Komplexität ihres Gleichen im Popbereich sucht. Auch Divers ist ein Wunderwerk aus mysteriösen Texten und außergewöhnlichen Arrangements, in denen sich Vogelgezwitscher ebenso findet wie Cembalo, Streicher, Flöten und ihr typisches Harfenspiel (wobei das Klavier inzwischen eine ähnlich prominente Stellung wie die Harfe einnimmt).
Lieblingslieder: Sapokanikan, Waltz of the 101st Lightborne, You Will Not Take My Heart Alive
5. Rhiannon Giddens - Tomorrow Is My Turn
Auch wenn Tomorrow Is My Turn nur eine originale Komposition beinhaltet, ist es doch durch und durch das Album vom Rhiannon Giddens. Sei es Country, Gospel, Celtic Folk, Blues oder Soul - Giddens ist kein Genre fremd. Ihr erstes Soloalbum bietet fantastische Neuninterpretationen, auch dank ihrer umwerfenden Stimme, die einen immer wieder vom Hocker haut. Auch die EP Factory Girl mit Outtakes aus Tomorrow Is My Turn ist sehr zu empfehlen.
Lieblingslieder: Last Kind Words, Don't Let It Trouble Your Mind, Black Is the Color
4. Tyler Lyle - The Native Genius of Desert Plants
Vier lange Jahre hat es gedauert, bis nach The Golden Age & The Silver Girl endlich Tyler Lyles zweites Album The Native Genius of Desert Plants erschien, Crowdfunding sei Dank. Wie der Titel vermuten lässt, sind die Songs von Wüstenpflanzen inspiriert, die es schafffen, selbst unter den widrigsten Umständen zu überleben. TNGODP ist eine Meditation über das Leben, die Lyle in wunderbare Melodien verpackt - mal eher folkig wie auf dem Vorgänger, mal einbettet in Sythesizersounds. So schön hat wohl noch niemand Pop mit Philosophie verbunden.
Lieblingslieder: Eighteen, Hollywood Forever, Winter Is For Kierkegaard
3. Lady Lamb - After
Dass Lady Lamb ihr "the Beekeeper" im Namen fallen gelassen hat, war schon eine kleine Enttäuschung; ihr zweites Album After hingegen hat mich in jeglicher Hinsicht begeistert. Sie klingt nicht mehr so rau und ungestüm, dafür reifer (auch wenn sie immer noch erst 25 Jahre alt ist) und vielseitiger. After bietet unter anderem eingängige Popsongs, tieftraurige Folkstücke und kantigen Rock. Beeindruckend.
Lieblingslieder: Billions of Eyes, Sunday Shoes, Penny Licks
2. Jason Isbell - Something More Than Free
Jason Isbell ist nicht nur ein toller Songwriter, er ist vor allem auch ein toller Storyteller. Auf Something More Than Free widmet er sich den alltäglichen Kämpfen es kleinen Mannes, der irgendwie versucht, zu überleben und trotzdem anständig zu bleiben. Das kombiniert er mal mit klassischem Country, mal mit schlichtem Folk, mal knackigem Blues-Rock. Höhepunkt ist das Gitarrenepos "Children of Children", in dem sich Isbell mit seinen jugendlichen Eltern auseinandersetzt - mein liebster Song des Jahres.
Lieblingslieder: If It Takes A Lifetime, Children of Children, Palmetto Rose
1. Sufjan Stevens - Carrie & Lowell
Dass longtime favorite Sufjan Stevens hier an der Spitze steht, ist keine Überraschung, sein Album Carrie & Lowell allerdings schon. Nachdem in jeder Hinsicht gigantischen Age of Adz hätte ich niemals erwartet, dass ausgerechnet der selbsternannte Maximalist Stevens danach das spartanischte Album seiner Karriere aufnehmen würde. Sicher, es gab den Christian Folk von Seven Swans, aber Carrie & Lowell ist noch eine ganze Spur intimer. Darin verarbeitet Stevens den Tod seiner Mutter Carrie, die die Familie verließ, als Sufjan ein Jahr alt war. Dass er nach ihrem Weggang überhaupt wieder eine Art Beziehung seiner seiner Mutter entwickelte, hat er in erster Linie seinem Stiefvater Lowell Brams zu verdanken, mit dem er auch sein Label Asthmatic Kitty gründete.
Oftmals nur von Gitarre und/oder Klavier begleitet, versucht Stevens, mit der schwierigen Vergangenheit ins Reine zu kommen. Dabei entstanden sehr persönliche, aber vor allem höchst berührende Songs, die von großem Schmerz, aber auch von Versöhnung zeugen. Dementsprechend ist es alles andere als einfach, sich Carrie & Lowell anzuhören, aber es liegt sehr viel Trost in diesen Liedern. Es ist - um mich selbst zu zitieren - ein Album, dass den Tod zum Thema hat, und trotzdem voller Leben ist. Live auf der Bühne war es dann mit den Minimalismus schon wieder weitgehend vorbei, was aber nichts daran ändert, dass Carrie & Lowell eine der schönsten und bewegendsten Auseinandersetzungen mit der eigenen Trauer ist, die es je zu hören gab.
Honorable Mentions:
Bob Dylan - Shadows in the Night
Wilco - Star Wars
Waxahatchee - Ivy Tripp
The Tallest Man on Earth - Dark Bird Is Home
John Moreland - High on Tulsa Heat
Courtney Barnett - Sometimes I Sit and Think, and Sometimes I Just Sit
Craig Finn - Faith in the Future
Torres - Sprinter
Pops Staples - Don't Lose This
Kacey Musgraves - Pageant Material
TV:
Sie nennen es nicht umsonst "The Golden Age of Television". Was das amerikanisches Fernsehen abliefert, versetzt einen immer wieder in Erstaunen - von kleinen Enttäuschungen wie True Detective 2 mal abgesehen. In diesem Jahr hieß es von einigen liebgewonnen Favoriten Abschied nehmen, dafür kamen neue, tolle Sendungen hinzu. Ich freue mich schon darauf, was das nächste Jahr bringt.
1. Fargo - Season 2
2. The Americans - Season 3
3. Better Call Saul - Season 1
4. Mad Men - Season 7.2
5. Parks & Recreation - Season 7
Kino:
Dieses Jahr kann ich zum ersten Mal seit Ewigkeiten eine kleine Bestenliste aufstellen. So wirklich oft war ich zwar nicht im Kino, aber einige Streifen haben mich schon (mehr oder weniger) beeindruckt.
1. 45 Years
2. Den Menschen so fern
3. Bridge of Spies
4. A Perfect Day
5. Star Wars VII: Das Erwachen der Macht
Außer Konkurrenz: 10 Milliarden
Was Bücher betrifft, so habe ich kaum Neuerscheinungen gelesen (einige wenige liegen auch noch ungelesen hier herum). Ich möchte allen nur noch einmal The Wright Brothers von David McCullough ans Herz legen, eine erstklassige Biographie über zwei der beeindruckendsten Menschen überhaupt.

"Carrie & Lowell" war bei mir vermutlich das 2015er-Album, das bei mir am häufigsten lief. Wunderschön traurig. Leider war das Geld zu knapp, um ihn im Friedrichstadtpalast zu sehen. Die Konzertkritiken waren ebenso phänomenal, wie die des Albums. :)
AntwortenLöschenZu dumm, dass es mit dem Konzert nicht geklappt hat, da hast du echt was verpasst :)
AntwortenLöschenHello, some interesting picks on your end list. Check out Mandolin Orange - Such Jubilee (Yep Roc-2015). Track 8 "Blue Ruin" is one of the more memorable ones. Best wishes! -Paul (a Last FM, Blogger Friend).
AntwortenLöschenThanks a lot, Paul! I just listened to the album, it's so beautiful!
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