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Litauen IX: Noch einmal Vilne

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Wieder in der Stadt angekommen, machte ich damit weiter, mir die Dinge anzusehen, die ich bisher nicht gesehen hatte. Ich ging noch einmal in die Rūdninkų gatvė, wo ich vergeblich nach zwei Gedenktafeln gesucht hatte, aber diesmal war ich wenigstens so schlau gewesen, mir die Hausnummern zu merken. An der Nummer 18 fand ich schließlich die Tafel, die an das große Ghetto erinnerte. Der Text war derselbe wie beim kleinen Ghetto, abgesehen davon, dass von dort aus mehr als 30.000 Menschen nach Ponar geschickt wurden. Schließlich ging ich auch in den richtigen Innenhof, den von Nummer 8 und nicht von Nummer 4 und 6. Dort befand sich die Gedenktafel, die an den Judenrat (Judenratas auf Litauisch) erinnerte. Der Judenrat war eine administrative Behörde, die die Nazis zusammenstellten. Meist handelte es sich um führende Mitglieder der ehem. kehile , Gemeinde, die dann gezwungen waren, für die Ausführung von Nazi-Befehlen zu sorgen, z.B. die Einsammlung von Wertsachen oder die „Ber...

Litauen VII: Von Aleph bis Zappa

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Nach dem ganzen Horror musste ich mich erstmal ablenken und bin ins „Tiger“ gegangen, um Mitbringsel für die Familie zu kaufen. Dort findet man alles von Schreibwaren über Spielsachen bis hin zu Küchengeräten. So ähnliche Geschäfte hatte es auch in Melbourne gegeben und ich habe sie geliebt, aber im Gegensatz zu Melbourne war in Vilnius alles bezahlbar, einzig der Platzmangel in meiner Tasche verhinderte ein shopping spree . Anschließend habe ich mich daran gemacht, alle jene Sehenswürdigkeiten abzuklappern, die mir bisher noch fehlten. Zuerst machte ich einen Abstecher zur Büste von Frank Zappa, die man vielleicht nicht unbedingt in Vilnius erwartet, but there it is . Meines Wissens ist es das erste Denkmal von Zappa außerhalb der Vereinigten Staaten. Danach ging es weiter zum ehemaligen YIVO-Institut, das am westlichen Rand der Altstadt liegt. Das war ein bedeutender Ort für das Jiddische, aber heute gibt es nichts, das daran erinnert. Das Gebäude ist nicht mehr ganz taufrisc...

Litauen IV: The Morning I Got to Hell

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Für den nächsten Tag hatte ich mir was ganz spezielles ausgedacht. Ich wollte tatsächlich nach Ponar fahren, oder besser Paneriai, wie es in Litauen heißt. Paneriai ist ein Vorort von Vilnius, den man bequem mit dem Zug erreichen kann. Ticketautomaten gab es keine, sodass ich den Fahrschein am Schalter kaufen musste, aber ich konnte mich verständlich machen. Die Fahrt selbst dauerte nur elf Minuten, wobei ich ganz froh war, dass ich das vorher nachgesehen hatte, da der Stopp nicht angekündigt wurde. Dort angekommen musste man erstmal über die Gleise klettern, das hat mich an Tschechien erinnert. Obwohl Paneriai nur zehn Kilometer von Vilnius’ Innenstadt entfernt liegt, ist es fast eine andere Welt. Hier gibt es keine hübschen sanierten Barockgebäude, sondern nur Holzhütten mit kaputten Fenstern, die aussehen, als würden sie jeden Moment zusammenfallen, während die Autos noch aus Sowjetzeiten zu stammen scheinen. Im ersten Moment fühlte ich mich etwas verloren, da die Gedenkstät...

Litauen III: Vilne

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Am nächsten Tag habe ich mich aufgemacht, das jüdische Vilnius, Vilne auf Jiddisch, zu erkunden. Wie der Zufall es so will, war ich genau siebzig Jahre nach Beginn des Russlandfeldzuges und der Errichtung des Ghettos nach Vilnius gekommen. Nachdem der starke Regen am Morgen nachgelassen hatte, bin ich zunächst zum Rathaus gegangen, wo sie eine Karte mit Sehenswürdigkeiten des jüdischen Vilnius haben. Eine recht überschaubare Anzahl. Wie ich erwähnte, war Vilnius eine der wichtigsten Städte des aschkenasischen Judentums. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten 100.000 Juden in Vilnius und 240.000 in ganz Litauen. In Vilnius wurde auch das berühmte YIVO gegründet, Abkürzung für yidisher visnshaftlekher institut , das sich heute in New York City befindet. Zuerst wollte ich in das jüdische Museum, das nach dem Vilner Gaon benannt wurde. Der Gaon von Wilna war einer der bedeutendsten Gelehrten des osteuropäischen Judentums, angeblich konnte er schon mit sechs Jahren ...